Posted by on Aug 24, 2016 in Aktuelles |

WAS BEDEUTET “EIN GUTER SANNYASIN SEIN” FÜR DICH?

? Wie findest du diesbezüglich unsere Liste mit beliebten Glaubenssätzen aus der Sannyas-Szene:
Ein guter Sannyasin…
… geht nicht zu anderen Meistern.
… kritisiert nicht den Meister, weil der immer Recht hat.
… klebt nicht an Besitz und auch nicht an anderen Menschen.
… hat immer viel Spaß. Wenn er unglücklich ist, macht er was falsch.
… hat viel Sex – nur so kann er ihn transformieren.
… kann Tantra.
… sollte besser nicht schwul sein.
… meditiert immer. Deswegen braucht er auch keine Psychopharmaka. Er guckt sich seinen Schmerz an.
… isst kein Fleisch.
… nimmt keine Drogen.
… ist immer entspannt.
… lebt von Moment zu Moment, heiratet nicht und kriegt keine Kinder.
… ist unendlich liebevoll und bewusst in allem, was er tut.

! Wenn ich das sehe, muss ich lachen. Aber eigentlich ist es gar nicht lustig, denn so kehren wir zurück zu den Dogmen. Es ist das alte Problem: Man nimmt Sätze eines erleuchteten Meisters und macht ein Glaubenssystem daraus. Das ist genau das, was alle Religionen getötet hat. Nicht anders ging es Jesus, der viele wunderbare Sachen gesagt hat – wie zum Beispiel „Lasst die Kinder zu mir kommen.“ Was ja nichts anderes heißt, als dass wirklich befreite Menschen wie Kinder werden. Das haben die pädophilen Priester halt anders verstanden…

? Osho hat immer die absolute Individualität propagiert. Dennoch gibt es auch bei Sannyasins einen Szene-Mainstream, einen bestimmten Verhaltenskodex…

! Als ich Ende der 80er Jahre nach Pune kam, war ich noch kein Sannyasin. Ich hatte also eine Sichtweise von außen. Und da gab es vieles, was mir sehr gut gefiel. Es gab viel Brüderlichkeit und vor allem sehr viel Liebe. Was mir weniger gefiel: Diese Liebe beschränkte sich auf die Familie der Sannyasins. Ich wurde dann Teil dieser Familie und konnte beobachten, wie sich diese Szene gegenüber der Außenwelt verhielt. Es gab eine neue Dualität: Die Gemeinschaft bestand nur aus Leuten in Orange. Es gab „wir“ und „die“. „Die“ kritisierte man: die Gesellschaft, die Politik, das System. Natürlich kann man das alles kritisieren, aber wir sind eben auch Teil der Gesellschaft. Zum Beispiel fahre ich mit dem Auto auf einer Straße, die asphaltiert ist – das Gemeinwesen hat sie mit unseren Steuern bezahlt. Viele Sannyasins sahen das anders: Für sie bestand Gemeinwesen nur aus Leuten in Orange. Diese Trennung hat mir nie gefallen – ich fand immer, dass wir unsere Energie auch mit in die Gesellschaft einbringen müssen. Natürlich stimmt es, dass es dort viel um Macht geht. Nur gab und gibt es in Oregon und Pune ganz ähnliche Machtstrukturen. Es ist die gleiche Macht wie auch sonst in der Gesellschaft. Und genauso wie auch ansonsten in der Gesellschaft gibt es viele Mitläufer, die als Herde funktionieren.

Die ganze Basis von Sannyas sollte absolute Individualität sein. Für mich ist Spiritualität eine individuelle Religion. Mein Körper ist der Tempel, die Kirche, der Platz meines Gebetes. Und mein Gebet ist meine Alltagspraxis: Meditation, Yoga genauso wie essen, trinken, Leute treffen, meine Arbeit machen. Das alles sind für mich religiöse Handlungen. Dagegen steht das Trennende, das alle Religionen gegenüber der Außenwelt geschaffen haben: hier die Gläubigen, dort die Nicht-Gläubigen. Das ist ein typisch menschliches System: Wenn ich Macht über andere haben will, muss ich sie herabsetzen. Nur wenn wir den anderen herabsetzen, sind wir auch gezwungen, uns selbst kleiner zu machen. Denn wir haben ja kein wirkliches Vertrauen in unsere eigene Religion. Mein Vision ist völlig anders: Ich bin meine eigene Religion! Warum sollte ich mich mit anderen Sannyasins vergleichen? Mein Sannyas-Sein ist einzigartig.

? Hast Du mit dieser individualistischen Haltung Probleme in der Sannyas-Szene bekommen oder wurde das akzeptiert?

! Natürlich nicht! Oft wurde ich als Abtrünniger oder als Dissident kritisiert – ich benutze lieber den schönen Satz von Osho: „Ich bin ein Rebell!“ Osho sagte ja immer, er wolle keine Religion schaffen, er habe eine Vision für die Welt. Und diese Vision entspricht in großen Linien auch meiner. Dennoch gibt es auch bei Osho Dinge, mit denen ich nicht einverstanden bin. Er hatte seine Gründe, aber es sind nicht meine. Vielleicht habe ich sie einfach auch noch nicht entdeckt. Und natürlich habe ich Probleme mit Sannyasins, die wollen, dass ich so sein soll wie sie. Das brauche ich nicht! Seit 65 Jahren arbeite ich daran, ich selbst zu sein. Warum sollte ich jemand anderem ähneln wollen – ich habe schon genug Probleme, mir selbst zu ähneln! (lacht)

? Osho wollte Rebellen – aber kann es eigentlich eine Gemeinschaft von Rebellen geben oder ist das ein Widerspruch in sich?

! Ja, eigentlich hätte es bei Osho nur eine Herde von Individualisten geben dürfen. (lacht) Aber in jeder Gemeinschaft gibt es eben auch ein kollektives Ego, eine kollektive Energie, die Mitläufer erzeugt. Und gerade da macht die Anwesenheit des Meisters einen großen Unterschied. Osho war da und die Leute meditierten und tanzten. Das war Oshos Buddhafeld mit einer geradezu magischen Energie. Osho war das Beispiel – er war der Mann, der alle motiviert hat. Alle versuchten, diesem großen Beispiel zu folgen. Das große Problem kam dann, als Osho seinen Körper verlassen hat. Viele fühlten sich verloren, denn „Papa“ war nicht mehr da. Das war ja nicht der Fehler von Osho – er hatte alles gegeben und seine Leute haben für Osho auch viel gegeben und investiert. Aber eben nicht für sich selbst. Das war, glaube ich, der Grund dafür, dass sich viele Sannyasins dann andere Meister gesucht haben. Sie hatten noch nicht wirklich ihre eigene Individualität gefunden – stattdessen suchten sie einen neuen Papa. Es gibt ja diesen Satz von Osho, der Mensch bräuchte einen lebenden Meister. Ich habe diesen Satz immer so verstanden: Lasst mich durch euch weiterleben, dann werde ich lebendig sein. Viele haben das ganz wörtlich verstanden und haben sich einen neuen Meister gesucht.

? Ist das für dich ein Problem?

! Nein, überhaupt nicht. Ich habe das nicht gemacht, weil ich mit einem anderen Meister wieder bei null hätte anfangen müssen. Ich müsste alles abstrahieren, was ich von Osho gehört habe. Denn jeder Meister ist zu 100 Prozent ein individuelles Wesen. Also kann seine Vision niemals die von Osho sein. Selbst wenn es in der Tiefe, auf einem ganz anderen Niveau, alles das Gleiche ist.

? Sehr beliebt in unserer Szene ist ja auch der Satz OSHO HAT GESAGT! Da gibt es zum Beispiel manche Zitate von Osho, wo er sich negativ über Homosexualität äußert. Für manche Sannyasins war dann klar: Schwul-Sein ist ein Hindernis für dein Wachstum.

! Oh, ich höre hier zum ersten Mal, dass Osho die Homosexuellen kritisiert hat. Wenn er das gemacht hat, hatte er sicher Gründe dafür. Aber das sind eben ganz andere Gründe, als wir an der Oberfläche sehen. Osho war nie der Papst, der andere verurteilt. Aber natürlich liebte er es, seine Leute zu provozieren. Er hat die Protestanten und die Katholiken, die Amerikaner und die Deutschen, die Moslems, Juden und die Zen-Mönche – er hat einfach alle auseinander genommen. Wären also alle gegangen, die Osho kritisiert hat, wäre er ganz allein geblieben. Aber er hat ja auch die Inder kritisiert – also hätte er selbst auch gehen müssen! (lacht) Aber die Leute sind eben nicht gegangen, denn sie haben etwas anderes jenseits der Worte gespürt. Ich selbst bin ja auch geblieben, obwohl Osho damals über mich sagte, ich sei kein Heiler, sondern ein Scharlatan, der nur gekommen sei, um seine Leute zu stören.

? Aber haben dich diese Worte von Osho nicht verletzt?

! Nein, denn ich spürte etwas anderes dahinter. Natürlich traf das auch eine alte Wunde in mir. Ich bin ohne Vater groß geworden und als ich vor Osho saß, hat er mich so berührt, dass ich anfing zu weinen. Ich spürte in meinem ganzen Körper ein Kribbeln und fragte mich: Was ist das denn? Mein Herz war so offen, nur weil ich ihn angeschaut hatte. Und dann zwei Tage später kritisierte er mich. Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er mich damit verletzen wollte, denn ich habe so viel Liebe in ihm gespürt. Selbst wenn er mich für einen Scharlatan hält – sei es drum, dann ist das sein Problem, nicht meines! Es war sein Wesen, das mich zutiefst berührt hat – nicht seine Worte. Aber ich konnte auch diese kritischen Worte empfangen, anerkennen und akzeptieren – dadurch haben sie sich transformiert und am nächsten Tag wurde ich Sannyasin. Als Kaveesha das Osho erzählte, sagte er: „Ich gebe ihm das Heiler-Department.“

Es ist ganz leicht, alle Worte von Osho misszuverstehen – man schaut einfach nur auf die Oberfläche, auf das, was unser Ego und unser Verstand hören wollen.

? Was würdest du unseren Lesern denn empfehlen, um kein neues, spirituelles Ego aufzubauen?

! Es wäre schön, wenn es darauf eine einfache Antwort gäbe. Ich selbst spreche ja nur Französisch, ein bisschen Italienisch und sehr gerne Gibberisch! Weil ich eben kein Englisch spreche, haben mich andere Sannyasins oft gefragt: Was kennst du überhaupt von Osho? Denn zu dieser Zeit gab es noch kaum französische Übersetzungen. Ich habe den Leuten dann gesagt: Es stimmt, ich kann das Schwarzgedruckte nicht lesen, aber ich lese alles Weiße. Und in jedem Buch gibt es mehr Weißes als Schwarzes. (lacht) Jemand hat Osho diese Geschichte erzählt und anscheinend hat ihm meine Antwort gut gefallen. In dem Zusammenhang wurde mir eine andere Geschichte von Osho erzählt: Eine Amerikanerin, die Osho sehr verehrt hat, gab ein Buch von Osho ihrem Mann, der Philosophie-Professor war. Der hat dann das ganze Buch durchgearbeitet und rot angestrichen, was er problematisch oder falsch fand, und blau, was ihm gefiel. Diese Frau überreichte Osho dann das Buch mit sämtlichen Anmerkungen ihres Mannes. Osho nahm es, lächelte und gab es ihr zurück, ohne es zu öffnen und sagte zu ihr: „Sag deinem Mann, dass er das Wichtigste durchgestrichen hat!“

Das ist eben Osho! Alles, was Osho gesagt hat, hat er in sich getragen. Du kannst ihn nicht mit dem Verstand erfassen. Um ihn zu begreifen, musst du viel tiefer in dein Bewusstsein gehen.

? Also sollten wir Osho nicht lesen wie die Tageszeitung, sondern kontemplativ mit einer Dimension jenseits des Verstandes?

! Ja natürlich! Beim Aufnehmen, beim Hören sind drei Dinge sehr wichtig: Ich empfange, ich anerkenne und ich akzeptiere. Das ist für mich der Weg des Herzens, der uns transformieren kann. Damit man die Worte nicht nur in sich hineinschlingt, sondern sie wirklich empfängt, muss man sich Zeit nehmen. Wenn ich Osho lese, nehme ich mir immer nur einen Abschnitt vor und versuche, seine Worte wirklich zu empfangen. Auch wenn es nur ein Wort ist, was ich wirklich empfange, dann ist das viel wertvoller als ein ganzes Buch, bei dem ich nur an der Oberfläche bleibe. Leute, die so ein Buch nur verschlingen, haben keine Zeit zu kauen. Keine Zeit, das Parfum, den Geschmack der Worte aufzunehmen. Ich gestehe dir jetzt etwas: Ich habe mittlerweile viele Bücher von Osho in französischer Sprache, weil ein Freund sie mir regelmäßig schickt. Manchmal nehme ich mir eine Seite vor und lese sie – aber ganz gelesen habe ich nur ein einziges Buch: Die Perlen der Weisheit. Das ist das kleine Büchlein von Osho zu den Tarot-Karten. Seit 25 Jahren lese ich dieses Buch und ich habe noch nicht einmal zehn Prozent verstanden. Erst wenn ich 90 Prozent verstanden habe, werde ich mir ein anderes Buch von ihm vornehmen. Osho war ein unglaubliches Wesen: Mit seinen Worten hat er ganz unterschiedliche Bewusstseinsebenen berührt. In jedem Satz steckt ein ganzes Universum – und jedes Mal, wenn sich mein Bewusstsein verändert, lese ich Osho wieder anders und noch tiefer. Es sind die Worte eines Meisters und es gilt sie wirklich zu empfangen. Dafür müssen wir tiefer gehen als nur auf die Ebene des Verstandes und dann ist eines klar: Dort ist kein Platz für Dogmen!